Mordreds Tales – Der Teufel
Der Maientanz

´╗┐Blutrot ging die Sonne unter,
die Fideln spielten dem Frühling Lieder.
Das Dorfvolk drehte im Kreise sich munter,
der Tanzenden Reigen wogte auf und nieder.

Es war der Heil'gen Walpurga Nacht,
Zum Maientanz der Graf hatt' geladen.
Es war die Zeit, da das Leben erwacht
und auch Evangeline, das Kind seiner Gnaden.

Es jährt' sich zum einundzwanzigsten Mal
nun des Mädchens Ankunft auf Erden.
Der Graf gab ein Fest drum drunten im Tal,
unvergesslich sollt' diese Nacht werden.

Der Abend zog hin, das Volk tanzte fröhlich,
nur des Grafen Tochter stand allein.
Sie sah in die Sterne, lächelte selig,
doch mischte sich Trauer in ihre Augen hinein.

‚Warum getraut sich kein junger Mann,
auch mir einen Tanz anzutragen?
Glaubt niemand, dass er es wagen kann,
eines Grafen Tochter zu fragen?’

Kaum, dass sie diese Worte gedacht,
hörte ein Flüstern sie zwischen den Bäumen.
„Oh holdeste Maid, oh Herrin der Nacht,
darf ich von einem Tanz mit Euch träumen?“

Das Mädchen erschrak, stand starr vor Schreck,
erblickte ein strahlend' Gesicht.
Ein blonder Jüngling lächelte keck,
in den Augen ein seltsames Licht.

Der junge, blond gelockte Herr harrte
nicht aus, ob sie widersprechen wollt'.
Er nahm ihre Hand, ging mit ihr in den Garten
und sie mischten sich unters Volk.

Der Abend ging hin, bald gingen die Gäste,
die Spielleute schliefen schon trunken vom Wein.
Die Hunde stritten um der Speisen Reste.
Nur ein Paar tanzte unter den Sternen allein.

Die Grafentochter lag in des Jünglings Arm,
beobachtet nur von den Sternen.
Es fror und doch war ihr seltsam warm.
Ein Licht wie von tausend Laternen

schien das einsame Paar anzustrahlen.
Ein Leuchten, das hell war und dunkel zugleich
schien in des jungen Mannes fahlen
Augen zu funkeln, seinem Blicke so weich,

dass das Mädchen dem Herrn sich hatt' längst ergeben,
bevor sie sich dessen wurde gewahr.
In ihren Lenden pulsierte das Leben,
ihr Herz pochte schneller. Sie sah nicht die Gefahr.

Erhellt war die Wiese von blutrotem Schein,
Schweiß bedeckte des Mädchens Haut.
Ein sonderbarer Hauch hüllte beide ein,
ein Hauch, vor dem sich jeder sonst graut.

Die Sterne schienen rasend dahinzuzieh'n.
Der Jüngling lächelnd zur Tochter sprach:
„Ist es zu dreist, liebste Evangeline,
Geleit Euch zu geben in Euer Gemach?

Habt keine Furcht, ich will Euch kein Leid.
Doch dünkt mich, dass Ihr allein nicht sollt' geh'n,
dass besser es wär', wir gingen zu zweit;
soll'n doch heut' Nacht böse Dinge gescheh'n.“

„Gern“, sprach sie, „dürft ihr mich zur Tür geleiten.
Doch erbitt' ich einen letzten Tanz
hier auf der Wiese unter des weiten
sternbehangenen Himmels Glanz.

Ach spielten doch die Spielmannsleut'
noch ein allerletztes Stück!“
Schon säuselte durch die Dunkelheit
ganz leis' von fern Musik.

Der Nachtwind blies leise, die Luft war warm,
sie wiegten sich langsam zum sanften Klange
der Musik. Das Mädchen strauchelte, fiel in den Arm
des Burschen. Im Gras, deuchte sie, kroch eine Schlange.

Kurz nur, nur einen Augenblick sah sie das Tier im Grün,
und so wie es erschien, das Biest verschwand.
Ihren jungen Verehrer sah Evangeline
ganz plötzlich umweht von dunkelrotem Dampf.

Sie drehten sich in der Frühlingsblumen Duft,
umkreisten einander im Dunkel der Nacht.
Ein Hauch von Schwefel wehte durch die Luft.
Finst'res Licht durchtränkte alles mit seltsamer Macht.

Im roten Nebel, im gelben Staub,
in des späten Abends Hitze,
in des Jünglings Armen glaubt'
Evangeline gar, dass es blitze.

Vom Gewitter Schrecken in den Gliedern
suchte sie des jungen Mannes Halt.
Er nahm sie, dort am weißen Flieder
sah man die beiden tanzen bald.

Dann am Bach dort bei der Mühle,
dann am Hain zwischen Birken weiß.
Ein wenig fror sie ihres Schweißes Kühle,
doch der Jüngling brannt' feurig heiß.

Langsam nähert' sie sich seinem Munde,
küsste ihn sanft, doch ohn' Bedacht.
Ergab sich ihm in der Bäume Runde.
Eine Frau ward sie zur Walpurgisnacht.

Bei ihm lag sie, es graut der Tage.
Sanft strich sie ihm durch's lange Haar.
Sie wusst', er wird gehen, summt' leis ihre Klage,
wünscht' inniglich, sie wär'n ein Paar.

Horngekrönt der Jüngling lachte, sprach: „Du kannst mich finden
nach drei Tages Reise, drüben vor dem großen Tor
des Städtchens mit den drei alten Linden
am Brunnen. Such mich dort im Moor.“

So waren die Worte, die sie noch vernahm,
bevor der junge Herr entschwunden
und das Mädchen einsam zu sich kam.
Sie war allein in der Birken Runden.

Evangeline lag auf des Haines Boden,
als der besorgte Vater morgens sie dort fand.
Um sie herum sah er letzte Flämmchen loden.
Am Mittag schon ritt sie nach dem Jüngling durch's Land.